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REAL TIME DEATH ODER ZUR FRAGE DER GESCHICHTSZEICHEN (1) von Bernhard Tilg
Real Time Death - das ist eine neue Form des Sterbens im "Krieg des 21. Jahrhunderts". Und so waren scheinbar unzählige Menschen im zweiten getroffenen Turm des WTC am 11. September 01 am Bildschirm Zeugen ihres eigenen Todes. Innerhalb von Minuten war der "Krieg des 21. Jahrhunderts" online und live. Das Medienereignis des beginnenden Jahrtausends gibt einen Vorgeschmack auf die Zukunft; und nicht nur die Zukunft der Medien. Was folgt ist bekannt: "Der Terror Angriff, Das Netz des Terrors, Aufmarsch am Hindukusch, Abgrund Afghanistan, Die Rückkehr des Mittelalters, Der religiöse Wahn, So müssen wir helfen, So zittert die Welt, So funktioniert der Krieg, Krieg der Welten (...).."(2)
Zugleich: "Andere Todesarten sind (vielleicht A. d. V.) dramatischer. (...). Verbreiteter sind die einsamen Todesarten. Aber auch die sind zu einer Art öffentlichem Ritual gemacht worden. Die Leute erklimmen die höchsten Stellen, bloß um herunter zu springen. Den Letzten Sprung nennt man das, und ich muss zugeben, es hat etwas Bewegendes, jemandem dabei zuzusehen, als eröffne sich einem im Inneren eine ganz neue Welt der Freiheit: den Körper am Rande des Daches stehen sehen, und dann jedes Mal der kurze Augenblick des Zögerns, der dem Wunsch zu entspringen scheint, diese letzten Sekunden zu genießen, und wie sich dein eigenes Leben in deiner Kehle zusammenschnürt, bis sich der Körper dann unerwartet (denn es ist nie abzusehen, wann es geschieht) in die Luft wirft und auf die Strasse heruntergeflogen kommt. Die Begeisterung der Zuschauer würde dich verblüffen: ihr rasender Jubel, ihre Aufregung. Als hätten die Leidenschaftlichkeit und die Schönheit sie von sich befreit, sie der Armseligkeit ihres eigenen Lebens entrissen. Der Letzte Sprung ist etwas, das jeder begreifen kann, er entspricht jedermanns heimlicher Sehnsucht: blitzschnell zu sterben, sich in einem kurzen und erhabenen Augenblick auszulöschen."(3) Das ist das "primitive" Ritual des Todes das in die Welt der Lebenden und "Zivilisierten" zurückkehrt und an die Genealogie der Macht erinnert, die sich nicht aus dem Recht über den Tod der anderen zu bestimmen ableitet, sondern genau im Gegenteil davon, das Leben zu gewähren und den Tod vorzuenthalten. Verzichtet der andere auf den ihm durch die Macht gewährten Lebensaufschub und wählt den Tod, offenbart sich das Geheimnis der Macht. Und dieses Geheimnis der Macht, "(...) lautet wie das Geheimnis des Geheimnisses: es gibt sie gar nicht."(4) Das ist das Ende - die Implosion der politischen Macht durch die Herausforderung des Todes. Das ist die katastrophische Situation: (5) "Denn jeder Tod passt unschwer ins Kalkül des Systems, selbst die Kriegschlächtereien, nur nicht der Tod als Herausforderung, der symbolische Tod, denn dieser hat kein kalkulierbares Äquivalent mehr (...)"(6) Das ist der Punkt, an dem die Herausforderung unendlich und unbeantwortbar wird, weil der Konflikt nicht mehr auf der Ebene der politischen Macht stattfindet, sondern im Bereich des Symbolischen: im Spiegel der Macht, und zugleich ihrem Ende.(7)
Das Unverständnis, das in sehr vielen Interviews nach dem 11. September im Hinblick auf die Tatsache, dass die Terroristen ihr eigenes Leben zum Einsatz bringen, zum Ausdruck gebracht wurde, ist in diesem Zusammenhang symptomatisch und ein Ausdruck eines Momentes des Schreckens, der damit verbunden ist. Denn mit der Überschreitung der absoluten Grenze bricht der ganze Kanon der (Welt)Macht in sich zusammen. Auch in einer Konfrontation mit einer Macht, die von sich behauptet, nicht von dieser Welt zu sein und über den Tod hinaus zu reichen. Denn gegen Menschen, die ihr eigenes Leben zum Einsatz bringen, versagt die Todesdrohung der Macht und ihr Angebot eines aufgeschobenen Lebens.(8) Und mit mehr als mit dem Tod kann die politische Macht nicht drohen. Das heißt: an der Schwelle des Todes enden alle ihre Möglichkeiten: das ist die geheime Botschaft von Ground Zero (9).... Der Feind ist nicht mehr äußerlich und anderswo (10) , sondern mitten unter uns, immer und überall, uneinschätzbar, aber immerzu bereit zuzuschlagen und zu sterben!
Die absteckbare und definierte Frontlinie hat sich aufgelöst und verläuft nun innerhalb der Gesellschaften und Nationen. Das ist auch eine Front zwischen Arm und Reich im permanenten Krieg um Transportkorridore, Rohstoffquellen, Arbeitskräfte, Energiereserven und Einflusssphären. Das ist der "(...) fragmentierte Krieg, der seinen Namen nicht nennt, (...). gleichsam in den Eingeweiden der Gesellschaft."(11) , und der den Übergang zum permanenten Belagerungszustand beschleunigt. Damit ist die Bedrohung immanent und virulent, und das Abschreckungsszenario des kalten Krieges ist einer fortwährenden totalen Mobilmachung gegen einen gesichtslosen Feind gewichen.(12)
Das ist der Augenblick der Implosion der Macht und die Lektion des Geschichtszeichens vom 11. September 2001.(13) Notgedrungen schlägt die Macht zurück, um den Schein zu wahren und weiterhin Evidenz ihrer Existenz zu verbreiten. Bis zum "Endsieg" und dann weiter! So funktioniert der Krieg, medial wie militärisch und markiert den verzweifelten Versuch der USA und der Allianz gegen den Terror, die Situationen nach dem 11. September vorerst auf einen klassischen Konflikt zwischen Staaten und Territorien zu reduzieren. Zudem liefern die Ereignisse vom 11. September auch Gelegenheit, um an der Heimatfront (14) mobil zu machen. Und so sind quasi über Nacht Vorschläge zur Sicherung der Sicherheit - national wie international - akzeptabel, die bis vor kurzem selbst in konservativsten Kreisen einen Aufschrei der Empörung provoziert hätten. Angesichts der Angst und des Schreckens - die auch und vor allem eine mediale Inszenierung darstellen - wird die permanente Überwachung vorangetrieben.(15)
Biometrische Vermessungen, Fingerabdrücke in Ausweisen und Dokumenten, Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen, Flughäfen, Bahnhöfen (...).(16)
Welcome to Reality! Und so lauten auch die Kommentare der Medientheoretiker: "Welcome to Reality" oder: "Last Exit Reality", und gehen dennoch am Thema vorbei, insofern es sich hierbei viel weniger um ein Einbrechen der Realität in die hyperreale Simulation handelt, sondern sich viel eher die Vermutung von Deleuze bestätigt, die da besagt, dass das Problem des Fernsehens und Kinos nicht darin besteht, eine hyperreale Simulation zu produzieren, sondern viel eher darin zu suchen ist, dass unser eigenes Leben nur mehr in Kategorien des Fernesehen und Kinos von Relevanz ist: ein Leben wie im Film. "wie im Film (...)." wird damit zur Qualitäts- und Ereignisgarantie des realen Lebensvollzuges und einer Zeugenschaft am eigenen Leben. Ein Leben wie im Film wird zum Maßstab, dem das Leben nur hinterher hinken kann. Egal ob als Held oder Versager; die Angst die Rolle nicht zu erfüllen, die einem das Leben (Schicksal? Gott? Kapital?) als universeller Regisseur zuweist, macht nicht wenige dumm oder reich.
Eine der häufigsten Beschreibungen individueller Befindlichkeiten der Ereignisse am 11. September 2001 lautete: "Wie im Film(...)", und tatsächlich wurden diese Ereignisse kinematographisch bereits bis ins Detail antizipiert. Von "Stirb langsam I - III", über "Independence Day" oder "Armageddon" oder dem neuen Kassenschlager "Codeword Swordfish" wurde in tausenden actiongeladenen Szenen der Schrecken vorweggenommen. Zerberstende Wolkenkratzer, unzählige entführte und abstürzende Flugzeuge, Anschläge mit biologischen und chemischen Sprengsätzen - kurzum: die totalen Katastrophen. Das ist das Kino, das Fernsehen als Trainingslager für eine Zukunft voller Schrecken und vorweggenommen in der Schlussszene aus "Fight Club", in welcher der gesamte Financial District in ungeheuerlichen Explosionen in sich zusammenstürzt und bereits seinen Namen erhält: Ground Zero! Das ist Realität, (...). wie im Film, und diese generiert auch die neue Helden des Alltags: "Sie fahren Taxi, arbeiten in Büros, gehen mit Maschinen um. Es sind gewöhnliche Menschen, Leute wie wir , nur dass ihnen etwas Ungewöhnliches passiert ist - und dass sie überlebt haben. In gewissem Sinn sind wir freilich alle Überlebende."(17) , aller möglichen und unmöglichen uns umgebenden und bedrohenden Gefahren und kommen so alle in die Situation eines Tages zum Held zu werden. Das ist der pensionierte Feuerwehrmann, den G. W. Bush am Katastrophenort umarmt und der daraufhin für eine Woche von einem Interviewtermin zum nächsten weitergereicht wird.
Und so verlaufen die herausragenden Ereignisse unseres Lebens "(...). wie im Film" und bilden die Matrix einer scheinbar einzigartigen Existenz und Evidenz, deren letztes Credo lautet: We survived! Die Überlebenden der Katastrophe fallen sich am Ende der letzten Filmszene um die Hälse, alle applaudieren - Schnitt - und Nachspann. Dieses tausendfach beschworene: "we survivied" ist Ausdruck einer panikartigen Reaktion auf die symbolische Herausforderung des Todes und einer immer ungewisseren katastrophischen Zukunft. Entsprechend endet die Rede des US-Präsidenten in "Independence Day" - kurz bevor er selbst, da ausgebildeter Kampfflieger seinen Jet besteigt und das letzte Aufgebot der Menschheit gegen einen übermächtigen, außerirdischen Feind anführt - auch mit: "Wir werden überleben! Wir werden weiterleben!" Das ist der Preis, den Gesellschaften für die "Ausweisung der Toten"(18) bezahlen: Überleben müssen, um jeden Preis, egal ob die Krankheit, das Alter, den Straßenverkehr, den nächsten Flug, den Bürostress oder den Beziehungsterror. Auch das Ende der Welt in der Verwandlung unserer Sonne in einen roten Riesen, einen weißen Zwerg und dann vielleicht ein schwarzes Loch. Wir proben bereits den Exodus - das Verlassen der Welt und des Körpers: technisch in der Raumfahrt, mental im Science Fiction und in der Figur des Cyborgs. Denn genau in diesem Wunsch zu überleben, unsterblich zu sein findet sich das jeweils individualisierte "(...) letzte Phantasma unserer Technologie." (19)
(1) Redigierte Version von: Real Time Death in: Pravda, Offizielle Zeitschrift der Fakultätsvertretung Geisteswissenschaften Universität Innsbruck, 1/2002
(2) Die Schlagzeilen nach dem 11. September 2001 in einem deutschen Wochenmagazin
(3) Auster, Im Land der letzten Dinge, S. 19 - 21 Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass P. Auster der Autor der New York Trilogie ist, und in dem kleinen Roman "Im Land der letzten Dinge" eine Stadt der Verwüstung beschreibt. In dieser Stadt "(...)sind alle Spuren einer vertrauten Wirklichkeit scheinbar getilgt (...) denn in seinen Augen (des Autors A. d. V.) bedarf es nur einer kleinen Drehung an der Schraube unserer Zivilisation um sie in die Apokalypse, in ein neues (altes) Barbarentum umkippen zu lassen." vgl. Klappentext
(4) Baudrillard, J. Oublier Foucault, S. 62
(5) "Es ist den Terroristen gelungen, aus ihrem Tod eine absolute Waffe gegen jenes System zu schmieden, das sich einer absoluten Todesvermeidung, also dem Prinzip "null Tote" verpflichtet hat. Jedes System mit "null Toten" ist ein Nullsummenspiel. Und alle Mittel der Abschreckung und Zerstörung sind machtlos gegen einen Feind, der aus seinem Tod eine Waffe für den Gegenangriff geschmiedet hat. `Was kümmern uns die amerikanischen Bomben! Unserer Männer sind ebenso begierig zu sterben, wie die Amerikaner begierig sind zu leben!` 7000 Tote auf einen Schlag sind unvergleichlich viel, wenn sie einem System zugefügt werden, das mit "null Toten" rechnet." Baudrillard, in Süddeutsche Zeitung, Der Geist des Terrorismus, 12.11.2001 Auch der Krieg gehorcht der Losung "Null Tote", zumindest auf der Seite der Allianz gegen den Terror. Der tausendfache Tod eigener Soldaten ist unpopulär und so wird ein Flug- Wahrnehmungs- Aufklärungs - kurzum: ein Telekrieg und Fernkrieg in Echtzeit (zumindest in der Theorie) geführt, um den Feind zu schlagen.
(6) Baudrillard, J. Der symbolische Tausch und der Tod, S. 67
(7) Der Angriff gegen das WTC war ein durch und durch symbolischer. Denn hätte sich der Angriff gegen ein stadtnahes Atomkraftwerk oder Chemiewerk gerichtet, so wäre die Anzahl der Opfer und das Ausmaß der Zerstörung ungleich höher ausgefallen. Insofern war der Angriff symbolischer Art und hat New York durch den Einsturz der WTC-Türme seiner zentralen Wahrzeichen beraubt. Die Skyline von New York - Inbegriff einer Vorwegnahme der Welthauptstadt - ist für immer verändert.
(8) So sprechen Philosophen, Staatstheoretiker und Rechtswissenschafter häufig davon, dass die Todesfurcht das Eigentliche ist, was die Menschen zur Vernunft bringt. Ab dem Augenblick, da die Menschen keine Todesfurcht mehr haben, wirkt die (staatliche, etc.) Drohung mit dem Tode nicht mehr. Darin besteht auch ein Problem der Todesstrafe - zumindest juristisch gesehen: denn hat ein Delinquent ein Delikt begangen, auf welches die Todesstrafe steht, und ist er noch in Freiheit, so wird er sich einer Verhaftung mit allen Mitteln widersetzen - weil es einerlei sein kann, bei einem Feuergefecht mit der Polizei zu sterben oder in der Gaskammer.
(9) Und so hat die Macht immer wieder versucht, Möglichkeiten zu erfinden, über den Tod hinaus zu drohen: "Wir werden nicht nur dich töten, sondern alle deine Verwandten, ihr werdet in der Hölle schmoren!" Um sich aus dieser Situation zu befreien, erschießt Keyser Soze in dem Film "Die üblichen Verdächtigen" auch seine eigene Frau und seine Kinder und erst dann seine Kontrahenten. Deren ungläubiges Erstaunen über diese Tat verschafft ihm den Sieg bringenden Zeitvorteil. Die religiöse Macht hat im Gegensatz zur politischen Macht immer schon darauf bestanden, über den biologisch-individuellen Tod hinaus zu drohen und zu versprechen: Hölle oder Paradies, und so ist anzumerken, dass der Selbstmordattentäter kein neues, (post)modernes Phänomen darstellt, sondern zum Beispiel in der Figur der Assasinen, den Attentätern des religiösen Führers Hassan i Sabbah, seit Jahrhunderten bekannt ist. Von einem derartigen Einsatz gab es keine Möglichkeit der Rückkehr. Auch die symbolische Verabschiedung der Kamikaze-Flieger macht das deutlich - geschmückt mit Blumen und Schwert werden sie zum Schrecken des Feindes.
(10) vgl. Massumi, B. Everywhere you want to be, in Härle, Karten zu tausend Plateaus
(11) vgl. ebda. S. 40
(12) Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass G. W. Bush in einer seiner ersten öffentlichen Stellungsnahmen zu Nine Eleven von einem "enemy whitout face" gesprochen hat. Weil das ist der Schrecken in Reinform - der gesichtslose, unbekannte Feind. Und so erklärt sich auch die Stilisierung Osama-bin-Ladens zum Übervater des Terrors: es ist der verzweifelte Versuch, dem unbekannten Schrecken Gesicht und Namen zu geben.
(13) Ein Geschichtszeichen verstanden als Augenblick (ein Tag oder eine Stunde), von dem sehr viele Menschen genau wissen, wo sie waren und wie sie diese Zeit verbracht haben.
(14) Folgerichtig verwendet dann ein US-amerikanischer News-Sender die Formulierung: "Homefront against Terror"
(15) Plötzlich ist jeder/e verdächtig - ein Schläfer zu sein. Das ist der Amoklauf, der unerwartet aus dem guten Jungen von nebenan einen Massenmörder werden lässt, und mithin die gegenwärtige, gesellschaftliche Situation verdeutlicht. Zugleich gilt damit: "Wir alle sind Geiseln, wir alle sind Terroristen. Dieser Kreislauf hat den Kreislauf der Herren und Knechte der Herrschenden und Beherrschten, der Ausbeuter und Ausgebeuteten ersetzt." Baudrillard, Die fatalen Strategien, S. 46f Begrifflichkeiten wie: Gesellschaften in Geiselhaft, permanenter Belagerungszustand und radikale Limespolitik markieren den weiteren Horizont der Fragestellung und verweisen auf das Problem Freiheit versus Sicherheit. Und "Bekanntlich sind unsere Gesellschaften vom Problem der Sicherheit besessen, es hat seit langem das Problem der Freiheit ersetzt." (ebda. S. 43), und sind gegenwärtig durch den Terroranschlag vom 11. September wiederum herausgefordert: das Ziel lautet erneut: totale Sicherheit - und das heißt vorerst totale Kontrolle und permanente, lückenlose Überwachung der Individuen. Und darin besteht das Grund legende Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit: denn es bedeutet Sicherheit für die Menschen, wenn die öffentlichen Tiefgaragen, Geldausgabeautomaten, Flughäfen kurzum alle öffentlichen Plätze per Video überwacht werden, und zugleich ist die Kontrolle perfekt. Mit Sicherheit wird die Videoüberwachung für den privaten Bereich in Kürze angedacht. Auch zur Steigerung der Sicherheit im häuslichen Bereich, zur Krankenüberwachung, Kinderüberwachung oder zur Kotrolle von "Hausarrest", der (post)modernen Form des Gefängnisses als telegraphischem Panoptismus. Das elektronische Halsband und die elektronischen - sprich digitalen Signaturen erlauben eine unbegrenzte Überwachung in Echtzeit. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang findet sich in der Tatsache, dass Sicherheit in von Sicherheit besessenen Gesellschaften zunehmend zum nachgefragten Gut - und mithin teurer und teurer - wird. Das wird dazu führen, dass der Staat seiner Aufgabe, Sicherheit für alle zu bieten, nicht mehr nachkommen kann und Sicherheit zu einem Produkt unter allen anderen wird. Zur Angelegenheit von Angebot und Nachfrage, die den Preis der Sicherheit bestimmt. Die ersten Ausblicke darauf geben uns die Hochsicherheits-Wohngebiete der Hollywood Stars und die Viertel der Milliardäre in den Großstädten und Villen am Land. Umgeben von meterhohen Mauern, bewacht von Videokameras und Bodyguards zwingt das Sicherheitsbedürfnis zu luxeriöser Einzelhaft.
(16) Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrors sind Sicherheitspakete (Homeland Security Act etc.), umfangreich und weit reichend, und erinnern an die Wiederholung der panikartigen Anlassgesetzgebung in der BRD als Folge des RAF-Terrorismus. Den Blockwart der digitalen Zukunft gibt dabei das Lokalfernsehen. "Erst wenn der Nachbar den Nachbar am Bildschirm sieht, ist unser Ziel erreicht.", sagt der Nachwuchsmarketingmanager einer lokalen TV-Station und gibt damit den Blick auf die Zukunft vor: leben, lieben, sterben - immer live! Displayed Persons - REAL TIME LIFE, REAL TIME DEATH.
(17) Massumi, Everywhere you want to be, S. 67 So sind wir alle Überlebende und zugleich gilt: "(...) dass wir alle Sleeper sind, wenn auch keine Attentäter, so doch abrufbar für zum Beispiel Kriegseinsätze, Notfalloperationen, Ausnahmezustände oder einfach nur die nächste Leistungsstufe der New Economy." Behrens, PopKrieg, in: Malmö01, Wien, 2001
(18) vgl. Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod
(19) Baudrillard, Paßwörter, S. 53 Und vielleicht beginnt Virilio sein Buch "Geschwindigkeit und Politik" gerade darum mit dem Zitat: "Ich möchte kein Überlebender sein"? |